IMPRESSUM I Website: Sven Barletta
Maria Blom über ihren Film HALLOHALLO

Liebe, Familie und Aufbruch…

Ich denke oft, wenn Menschen in einem Umbruch sind, gehen sie zu einer Person aus der Vergangenheit zurück, zu dem Zustand, in dem sie vorher waren. In Maria Sids Disa konnte ich so deutlich sehen, wer Disa vor Laban gewesen war, zwanzig Jahre vorher. Ich habe gesehen, wir schwer sie es hatte, wie außerhalb von allem sie war, sogar von ihrer eigenen Familie. Sie behandeln sie ja immer noch wie ein Kind, sie können mit ihrem eigenen Schlüssel einfach in ihre Wohnung reinstiefeln – das stinkt zum Himmel. Ich denke, dass Disa nur bei Laban sie selbst sein konnte und sie ist mit ihm nach Falun gezogen. Aber nun steht sie plötzlich in der Stadt, in die sie zusammen gezogen sind, und ist allein. Ich habe viel darüber nachgedacht, was passiert, wenn du in eine Stadt gezogen bist, Kinder bekommen hast und dich dann scheiden lässt. Ein Kind ist erst mit 18 Jahren selbständig. Du kannst also nicht wegfahren, du kannst dein Kind nicht im Stich lassen. Es ist interessant, wie man sich da zwingt sich zusammenzureißen und… wer bin ich jetzt?

Disas Kinder sehen sie als Loser und ihr Verhältnis ist speziell. Sie kommt mit ihnen nicht klar. Tatsache ist, dass wir einige Szenen rausschneiden mussten, es wurde zu hart, man fühlt sich unglaublich provoziert, wenn ein Elternteil sich nicht mit seinen Kindern beschäftigt. Es ist rührend am Schluss, als Disa den Kontakt aufnimmt und sie sie anders wahrnehmen können. Kinder wollen ihre Eltern aktiv handeln sehen, sie denken vielleicht, dass sie anstrengend sind, wenn sie streiten. Aber das Gegenteil – Passivität – richtet großen Schaden an.

Ihre Figuren…

Für mich ist es wichtig, einen Film über einen normalen, anspruchslosen Menschen zu machen, eine ehrliche kleine Geschichte über eine Krankenpflegerin und ihr Leben. Krankenpflegerin ist einer der häufigsten Beruf in Schweden, aber es werden nie Filme gedreht, in denen sie im Mittelpunkt stehen. Denn Disa ist eigentlich keine Hauptperson im Film. Niemand würde sie in der Stadt treffen und sagen „Über sie sollten wir einen Film drehen!“, die klassischen Filmstereotypen sind ganz andere Menschen.

Das Klassische ist, dass die Frau schön, intelligent und besser sein soll, sie kann besser mit Kindern umgehen und sie kommt weiter als andere. Das kann Disa nicht. Sie hat alles falsch gemacht, ihre Wohnung ist nicht schön, sie schwitzt, wenn sie ihren Ex treffen soll und ihre Kinder denken, dass sie eine Niete ist. So etwas finde ich witzig. Normalerweise sind meine Figuren relativ geschlechtsneutral. Ich glaube, dass man sich genauso gerne in Dina wiederfinden kann, während es Kent ist, der über Gefühlt spricht und aufdringliche Fragen stellt. Er ist es, der an die Liebe glaubt und Frauen anzieht, denen es schlecht geht. Ich hoffe, das ist eine der Stärken des Films, dass die Figuren unberechenbar sind und dass man wirklich keine Ahnung hat, wie die Geschichte sich entwickeln wird.

Falun, Dalarna…

HALLAHALLA hat Ähnlichkeiten mit MASJÄVLAR (deutsch: ZURÜCK NACH DALARNA!). Beide handeln von normalen Menschen, die ihr normales Leben führen mit ihren normalen Problemen, die aber doch auf ihre besondere Art einzigartig und wunderbar sind. Aber ZURÜCK NACH DALARNA! hatte als Ausgangspunkt die Mentalität rund um Rättvik, es ging mehr um die Region Dalarna. Disas Geschichte hätte sich in jeder beliebigen schwedischen Kleinstadt zutragen können. Trotzdem habe ich gerne ein bestimmtes Setting, genau wie im Theater. Da schreibe ich zum Beispiel für die Lilla Scenen im Dramaten, Stockholms größtem Theater, ich bekomme einen Rahmen vorgegeben. Anstatt einen Film „über irgendetwas, der irgendwo spielt“, zu drehen, dachte ich, nein, ich begrenze es auf Falun. Wir zeigen gerne andere Milieus als die, die man normalerweise im Film zu sehen bekommt. Wir haben eine Skisprungschanze, es gibt Schnee und eine Bergwerksgrube, die Leute sprechen Dialekt. Sicher, es ist für die Schauspieler eine Herausforderung, so zu sprechen, aber ich finde, es wäre komisch, wenn sie das nicht tun würden. Dialekt ist ein Geschenk, das du bekommst, wenn du an einem anderen Ort bist, es verleiht einem Film Charakter.

Wie es so abläuft…

Wenn ich beginne, mit den Schauspielern zu arbeiten, habe ich nur ein Drehbuch, ich weiß nicht, wie eine Figur sprechen wird, wie sie sich bewegen wird oder warum sie so ist, wie sie ist. Das besprechen wir gemeinsam. Wir waren als erstes bei mir zuhause und haben improvisiert, sie sind einzeln gekommen, manchmal zwei oder drei zusammen. Ich habe fantastische Szenen gesehen, wie Disa als Teenager war und welches Verhältnis sie zu ihrer Mutter hatte, ich weiß, wieso Schluss war zwischen ihr und Laban und ich habe gesehen, wie schrecklich es war, als Disa zum ersten Mal Labans neue Frau gesehen hat. So wissen sowohl ich als auch Maria Sid, wann sie Disa ist und wann sie selbst zum Vorschein kommt.

Ich kann natürliches Spiel toll finden, wenn man eine Rolle mit jemandem besetzt hat, der sich selbst spielt. Aber das interessiert mich überhaupt nicht, es ist zu langweilig. Ich weiß nicht mal, wie ich da Regie führen sollte – „Geh dahin“, „Sag dies und das“, „Geh ein bisschen runter“? Ich will viel lieber die Figur sehen, die wir zusammen erarbeitet haben. Das wird auch eine gute Dynamik, etwas Schiefes und Spannendes, wo die Schauspieler ihre eigene Persönlichkeit und das Bild der Leute von ihnen komplett abstreifen, wenn sie etwas völlig anderes machen. Maria Sid ist ein großer Star in Finnland, ein schicker Wirbelwind in High Heels und hippen Röcken. Das ist nicht Disa! Johan (Holmberg, der Kent spielt) ist auch das Gegenteil seiner Rolle, er ist eigentlich recht ernst und nachdenklich, überhaupt kein Gefühlsmensch aus Grycksbro. Und es war Ann (Petrén, die Irene spielt), die selbst darauf kam, was ihre Figur für ein Typ Mensch ist. „Kann sie nicht eine Frau sein, die zu Autotreffen Halbstarker fährt? Und, oh, kann sie nicht einen Pferdeschwanz mit langen Extensions haben?“ „Doch, das klingt gut!“

Wir haben Testaufnahmen mit vielen Frauen gemacht. Alle im Krankenhaus sind außerdem zur Klinik in Falun gefahren. Da haben wir gesehen, wie anstrengend es ist, Nachtdienst zu haben, welche Beziehung dort alle zueinander haben, wie sie die Übergabe machen. Dann tragen wir das alles zusammen, einigen uns darauf, welche Richtung wir einschlagen wollen. Und gehen nochmal durch das ganze Drehbuch, alle Szenen, in den Kulissen. Wir sind gut vorbereitet, wenn die Kameras zu drehen beginnen.

Krav Maga…

Meine Geschichten gehen oft parallel zu meinem Leben, das ist ganz offensichtlich. Zuerst war es nur „Single, Single, Single“ und Freundschaft, dann kamen einige stillende Mütter, nun kommen immer mehr Kinder in meine Geschichten. Sehr oft steckt meine Hauptfigur in einer Problemsituation. Ich bin nicht geschieden und eigentlich bin ich ja auch überhaupt nicht Disa. Aber ich habe Krav Maga ausprobiert!

Ich hab einen Freund, einen schüchternen kleinen Künstler, der aber auch eine Eigenheit hat: Er beschäftigt sich mit Kampfsport. Vor einigen Jahren hat er ein Krav Maga-Camp in Falun organisiert und ich habe daran teilgenommen. Um Gottes Willen, ich hatte noch nie in meinem Leben solche blaue Flecken! Ich sah aus, als ob ich in einer sehr problematischen Beziehung wäre, wenn man das so sagen kann. Ich habe „Messer in den Rücken“ gelernt und den „Würgegriff“, was recht lustig war: es passiert mir im Alltag normalerweise nicht, dass mit jemand ein Messer in den Rücken rammen will. Aber für einige Wochen bin ich durch Falun gelaufen und habe darauf gehofft, dass jemand genau das versuchen würde, damit ich meine „Moves“ anwenden kann. Es gab dann noch einen Fortgeschrittenenkurs: „Überfall auf engem Raum, zum Beispiel Kleiderschrank oder Auto“. Aber ich bin da nicht hingegangen.

Krav Maga wurde eine gute Beschäftigung für Disa, durch die sich aufhört, so autoritätshörig und ängstlich zu sein, sie übernimmt die Kontrolle über ihr Leben und traut sich sogar in einen Kampfsportkurs.

Humor und Ernst…

Ich glaube wirklich an Humor. Dass es fast zum Volkstheater gerät, zum Beispiel als Kent in seiner Küche steht und sagt „Komm zu mir, Frau!“ oder als der Krav Maga-Trainer mit vollem Ernst sagt „Du kannst all deinen Frust und deine Wut an mir auslassen.“. Denn wenn es nur düster und schwarz ist, dann verschließe ich als Zuschauer mich ganz sicher. Humor ist raffinierter, er geht tiefer und öffnet den Betrachter, man kann dann reingehen und wirklich dramatisch und ernst sein. Das ist ein Kampf, den ich führe, ich liebe es, wenn es dramatisch wird und kluge Worte gesprochen werden, am liebsten an der Grenze zum Pathetischen, da ist es am allerbesten. Aber das ginge nie, wenn man auf dem Weg dahin nicht auch mal gelacht hätte!

Wenn man ins Kino geht, will man nicht nur dasitzen und verkrampft die Zähne zusammenbeißen, man will Spaß haben und über das Elend lachen. Ich bin jedenfalls so!